Für Tonda, meinen Zaubererbruder und all die anderen

 

Als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben. Das ist lange her. Vielleicht war da eines Tages die Angst, dass sie nicht mehr genügen würden. 

Ich weiss, dass jede meiner Zeilen für euch genau so richtig und wichtig sind wie der Gedanke sie schreiben zu wollen.

Diese Geschichte ist nur für euch .

 

 

Die Reise in den Himmel

 

 

Hinter dem Regenbogen, dort droben im Himmel gibt es eine Welt die so schön ist dass man sie sich kaum vorstellen kann.

Dort ist immer gutes Wetter und die Blumen leuchten im grünen Gras.

Dies ist eine Welt die ganz anders ist wie die auf der wir leben. In dieser Welt sind die, die dort wohnen nie mehr krank, nie mehr alt und müde und sie spüren weder Angst noch Schmerz.

 

Inmitten der Wolken tun sich Landschaften auf die die Schönheit unserer Erde in den Schatten stellen. Dort gibt es Berge so hoch dass die Gipfel in den Wolken verschwinden.

Es gibt Seen, die sind so klar dass man bis auf den Grund sehen kann und Flüsse deren Wasser sich tanzend seinen Weg bahnt. Die Wälder sind voller Schönheit, die Tiere die dort Leben fürchten die Menschen nicht, sie bleiben stehen und schauen köpfchendrehend aus dem Dickicht wenn eine neue Seele über die Brücke des Regenbogens kommt.

 

Der Regenbogen ist der Weg über den jeder geht wenn seine Zeit auf der Erde zu ende ist.

Ob Mensch oder Tier, alle folgen den bunten leuchtenden Farben.

 

Es gibt einige Stationen ehe man die neue schöne Welt betritt.

So erreicht man nach einigen Schritten eine Brücke. Unter der Brücke fliesst ein kleiner  Bach und die Blätter der Bäume haben sich wie im Herbst in ihren buntesten Farben gekleidet.

 

 

Dort bleibt man stehen und lauscht dem Rauschen des Baches und den Blättern.

Dies ist die erste Station. Denn hier fällt aller Schmerz und alles Leid das man im Leben empfunden hat von einem ab. Wie Blätter die von den Bäumen schweben schwebt alles was weh tat zu Boden.

 

Man merkt wie man freier wird, das Atmen fällt leicht und man spürt wie man viel schneller voran kommt weil der Körper wieder jung und gesund ist.

 

So wandert man weiter, vorbei an den roten Bäumen die leise flüstern: " Willkommen" ..

 

 

 

Die roten Blätter rascheln ganz aufgeregt. Ein Zeichen dass eine neue Seele den Weg in den Himmel gefunden hat.

 

Von weither ertönt eine Stimme : " Willkommen Seelchen, willkommen auf der anderen Seite des Regenbogens" ..

 

Dann steht man und sucht.. Denn inmitten der riesigen Blätterhaufen kann man kaum erkennen wo Anfang und Ende ist.

Man ist verwundert über all das neue, aber man fürchtet sich nicht. Denn man spürt tief  im Herzen dass man an diesem Ort sicher ist und dass kein Leid, kein Schmerz in diese Welt kommt.

 

Un ehe man sich versieht wird man von hinten in die Kniekehle gestuppst. Wenn man arg schreckhaft ist springt man vielleicht zur Seite und landet auf dem Blätterhaufen der weich und federnd ist wie Himbeergelee.

 

"Ich bin gekommen um dich das letzte Stück des Weges zu begleiten" hört man die Stimme sagen. Und plötzlich sieht man einen kleinen Hund mit treuen Augen und weissen Flügeln.

 

 

 

Und weil man noch nie einen Hund sprechen gehört hat wird man verwundert schauen, sich die Augen reiben, nochmal schauen...

Der Hund ist freundlich und von ihm geht ganz viel Wärme aus.

 

"Mein Name ist Glöckchen und ich bin hier der Begrüßungshund. Ich wette Du bist schon ganz gespannt was dich erwartet?"

 

Dann wird einem klar dass man die Welt verlassen hat. Man wird still und ein bisschen traurig.

 

Glöckchen weiss um diese Gefühle der Neuangekommenen und spricht mit ruhiger Stimme: "Du hast die Erde verlassen. Die Krankheit hat dich schwach werden lassen und es war an der Zeit deinen Weg zu uns anzutreten. Hier ist aller Schmerz vergangen, aller Kummer hinfort."

 

Man erinnert sich.  In weiter Ferne der Gedanken erinnert man sich an den Schmerz und das Leid dem man vor wenigen Stunden noch so ausgeliefert war. Und nun ist all dies Vergangenheit. Einzig im Herzen spürt man ein leichtes Stechen.

 

Glöckchen spricht:" Dieser Stich ist die Sehnsucht und die Sorge nach jenen die du zurücklassen musstest.

Jeder der zu uns kommt verspürt ihn. Aber fürchte dich nicht. Es wird besser wenn wir ersteinmal angekommen sind."

 

 

Und so läuft man schweigend mit Glöckchen an seiner Seite den Weg hinauf. Vorbei an Wiesen und Sonnenblumenfeldern bis man einen See erreicht.

Um den See leuchten viele bunte Laternen, kleine Papierschiffchen ziehen einträchtig ihre Runden. Am Ufer sitzen andere Menschen beisammen, man hört Musik aus der Ferne und am Horizont steigen Luftballons nach oben.

 

"Hier ist der Ort an dem man seinen Lieben da unten ganz nah sein kann" sagt Glöckchen.

"Ein Blick in das Wasser und Du kannst deine Lieben sehen. Du kannst immer an diesen Ort kommen. Die Schiffchen stehen für all jene die auf der Erde verbleiben mussten. Auch Du bekommst solche Schiffchen. Du kannst sie lenken wenn sie abzudriften drohen, ihnen Antrieb geben wenn sie selbst keine Kraft mehr haben. Du kannst sie mit den Wellen streicheln und ihnen gute Wünsche mit auf den Weg geben."

 

Dieser Ort ist wunderschön und vielleicht wagt man sich ganz zaghaft den ersten Blick in das blaue Wasser. Ein Funkeln am Grund des Sees und plötzlich erkennt man, erst ganz verschwommen und dann immer klarer seine geliebten Hinterbliebenen.

Man sieht wie traurig sie sind, wie viele Tränen fließen und wie sehr ihnen das  Herz weh tut.

Man möchte sagen: Fürchte dich nicht, mir geht es gut und ich bin an einem wunderschönen Ort..

Leider können die Menschen auf der Erde die Stimmen der Himmelmenschen nicht gleich hören. Das braucht Zeit doch sie können es lernen.

Also nimmt man das kleine Schiffchen vorsichtig zur Seite weil es in den tosenden Wellen des Schmerzes zu versinken droht. Vorsichtig schiebt man es in stillere Gewässer wo es  zur Ruhe kommen kann.

Und weil man weiter muss ruft man die kleinen Engel. Die kleinen Engel sind Kinderwesen, freundlich und ein bisschen frech. Sie werden sich um das Schiffchen kümmern wenn man weitergeht. Die kleinen Engel streuen Blüten ins Wasser und stellen ein kleines Licht auf das Schiffchen. Man kommt zurück wann immer man das möchte.

 

Glöckchen spricht:" Sorge Dich nicht dein Schiffchen ist sicher. Wir müssen weitergehen du wirst erwartet".

So läuft man weiter ehe man auf eine Lichtung kommt. Das Grün des Grases ist so satt und es weht ein warmer Wind.

"Es wird Zeit" spricht Glöckchen. " Sie warten"

Dann steht man in mitten der Wiese in einer Weite und spürt den Wind der einem entgegenströmt.

Eine Böe, rauschend, Blättertanz .. sieht man in der Ferne, dort wo die Sonne den Boden küsst Gestalten. Erst ganz wage und dann immer klarer.

Schritte die lauter werden, verschiedenster Art. Eine Wärme, ein Rascheln und der Wind der immer stärker zu werden scheint treibt die Gestalten voran.

Man fürchtet sich nicht, spürt man doch wie das Herz warm wird vor Freude.

Und ganz langsam nehmen die Konturen Gestalt an und man steht ungläubig und staunend da.

Eine kleine Gruppe kleinerwirkender Gestalten wird vorauslaufen und es ertönt ein Bellen das immer aufgeregter wird je näher es kommt.

Und dann plötzlich sind sie da. Als erstes die Hunde und die Tiere die bereits vorausgegangen waren, deren Hinterbliebender man selbst einst gewesen ist.

Und sie alle sind jung und gesund. Ein Toben um die Beine bis man sich nicht mehr halten kann und ins Gras purzelt.

Ein Schlabbern und Freudengebell hallt über die Wiese. Alle haben gewartet, so lange und die Freude ist so groß dass man mit dem Streicheln nicht mehr hinterher kommt.

Man atmet tief durch weil man nun weiss dass all das was man sich erhoffte tatsächlich wahr ist. Man begreift dass der Tod kein Ende ist sondern nur ein weiterer Anfang.

Man sitzt da, zwischen all seinen geliebten Vierbeinern und ist vor Freude ganz still.

Dann erinnert man sich dass da noch weitere Gestalten auf dem Weg waren. Man schaut auf und sieht all jene die man auf Erdzeiten geliebt hat um sich. Sie bilden einen Kreis und stehen lächelnd und erwartungsvoll da. Eine Hand wird gereicht und dann liegt man in den Armen jener um die man selbst so lange trauerte.

Und man spürt wie diese Trauer abfällt, wie viel Kraft und Liebe in diesen Umarmungen steckt.

"Nun bist Du bei mir" wird einer sagen, " und nichts und niemand kann uns jemals wieder trennen" .

Tränen der Freude fließen auf allen Seiten und dort wo die Tränen den Boden berühren wächst augenblicklich eine Blume. Dies sind die Blumen die die kleinen Engel um die Schiffchen verteilen wenn diese ins Wanken geraten und mit denen sie sie schmücken.

 

Man fühlt die Lebendigkeit jener im Kreis und man spürt wie viel Kraft und Liebe in einen selbst fließt in diesem Moment.

Menschen und Tiere die man verloren hat vereinen sich voller Liebe und Freude.

Man spürt den warmen Wind und fühlt sich frei und glücklich.

 

In dieser Welt, der Himmelwelt haben alle ihren Platz und es sind all jene zusammen die sich im Erdenleben schon so nahe waren.

Gemeinsam und nie mehr getrennt voneinander lebt man hier voller Glück und Frieden miteinander.

 

Man teilt sich hier droben eine Aufgabe die man gemeinsam und mit Freude annimmt.

Man beschützt und begleitet seine Lieben die man auf der Erde zurücklassen musste.

Der Gang über den Regenbogen bedeutet nicht das Ende. Von hier oben hat man einen guten Blick auf das Leben und in die Herzen seiner Hinterbliebenen. Und es ist allen so wichtig dass die da untengebliebenen nicht an ihrem Schmerz zerbrechen.

 

Im Himmel weiß man um den Schmerz den der Weggang aus der Erdenwelt hinterlassen hat, trug man ihn ein selbst schon im Herzen.

 

Immer wenn am See ein Luftballon empor steigt ist das ein Zeichen dass ein Erdling in großer Not ist. Die Ballons steigen auf wenn der Schmerz so groß ist dass er kaum mehr zu ertragen ist und wenn der, jener der diesen Schmerz empfindet sich wünscht selbst im Himmel zu sein.

 

Die kleinen Engel fliegen dann so schnell sie können diesem Ballon entgegen um ihn an der stolzen Trauerweide, deren Äste ins Wasser ragen, mit einer Schleife festzubinden.

Dort ist er sicher und alle Himmelsseelen die den Menschen zu dem Ballon kennen und lieben versammeln sich um die Trauerweide.

 

Gemeinsam, sich fest an den Händen haltend schauen sie ins Wasser.

Sie reden beruhigend auf das Bild das sie sehen ein.

Das Schiffchen schwimmt direkt vor ihnen und gemeinsam stärken sie es mit Kraft und Liebe.

Man wird diesem Schiffchen all die Liebe schenken die man dem dazugehörigen Menschen schon zu Erdenzeiten entgegenbrachte. Und weil man im Himmel nicht mehr alleine ist bündelt sich die Liebe aller Himmelsmenschen und vereint sich auf dem kleinen Schiffchen.

 

Die kleinen Engel fliegen in Kreisen umher, über die Köpfe hinfort und streuen die Blüten der Blumen die aus den Tränen der Wiedersehensfreude gewachsen waren.

 

Auf dem Weg zur Erde verwandeln sich die Blüten. All die Liebe die sie insich tragen umhüllen die auf der Erde zurückgebliebenen auf ganz unterschiedlichste Weise.

Diese Zeichen aus der Himmelswelt sind gar nicht so leicht erkennen und gerade wenn der Schmerz so groß ist kann man sie leicht übersehen.

Die Zeichen können in Wind übergehen , eine leichte warme Brise streicht den Hinterbliebenen die Wangen.

Auch Regen kann solch ein Zeichen sein, mal warm an Sommerabenden oder kalt und prasselnd im Herbst.

 

Das Leben der Hinterbliebenen ist voller Botschaften aus dem Himmel nur manchmal können sie diese wegen all dem Schmerz nicht erkennen.

Ein Vogel der einem über den Kopf fliegt, ein Baum, dessen Laub zittert und raschelt.

Sonnenstrahlen die einem die Nase kitzeln und Wolken deren Formen dir etwas sagen möchten.

 

Wenn die Himmelsmenschen sich allzu große Sorgen machen dann legen sie ihren Hinterbliebenen Steine in den Weg. Das klingt erstmal komisch aber es stimmt.

Irgendwo auf ihren Wegen können die Zurückgelassenen Steine finden die ihnen aus dem Himmel gesandt wurden. Welche Steine das wohl sein mögen?

Man erkennt sie, just in dem Augenblick in den man sie zum ersten Mal da liegen sieht.

In ihnen sind all jene Botschaften gebündelt die die Himmelsmenschen zur Erde schickten.

"Bleib stark es geht uns gut. Ich bin immer bei dir. Ich werde dir entgegenkommen wenn deine Zeit gekommen ist. Sei nicht traurig, schau Du bist nicht allein".

 

Oftmal sind es die Steine die den Hinterbliebenen klar machen dass man weiterhin in Verbindung steht und das der Tod nicht bedeutet dass man sich für immer trennen muss.

Man wird ihn nach Hause tragen und ihn hüten wie einen Schatz.

Vielleicht fragst du dich jetzt warum es denn ausgerechnet Steine sind die von da oben geschickt werden?

 

Das hat tatsächlich einen Grund.

Der Verlust eines geliebten Menschen stürzt die Zurückgebliebenen in ein tiefes schwarzes Loch. Nach all dem Leid dass man zusammen ertragen musste gab es keinen Lichtblick, nur den Abschied. Und auch wenn das Gehenlassen Erlösung bedeutete, das Leben der Erdmenschen droht daran zu zerbrechen. Zu gerne würden sie ihrem Lieben folgen, fühlen sich alleine und ohne Hoffnung .

Sie fallen in ein tiefes schwarzes Loch in dem sie nichts mehr hören und sehen. Eine Zeit lang ist das vernünftig damit die Seele zur Ruhe kommen kann.

Aber irgendwann verlieren sie sich selbst in der Dunkelheit.

Dafür sind die Steine. Jeder Stein ist Teil einer Treppe die die Menschen hinauf ans Licht hilft. So finden im Laufe der Zeit viele viele Steine ihren Weg über den Regenbogen zur Erde hinunter.

Immer mit genau dem gefüllt was der Erdling in diesem Moment am dringendsten braucht.

Trost, Liebe, Hoffnung und Licht.

 

Und immer wenn der Erdenmensch ein Stückchen höher auf der Steintreppe klettert feiert der Himmel ein buntes Freudenfest. Dann findet man sich am See ein, aus der Ferne erklingt Musik und gemeinsam schaut man durch das Wasser auf die Erde .

Bei jedem kleinen Schritt den der Erdling auf der Treppe zurücklegt fällt man sich jubelnd in die Arme. Die kleinen Engel flattern aufregt umher und die Hunde springen vor Freude im Kreis.

 

Und dann, wenn es endlich geschafft ist und die Steine ausreichend sind um das dunkle Loch zu verlassen wird der Luftballon von der Weide gebunden. Gemeinsam lässt man ihn nun, da er in Sicherheit ist in die Lüfte frei... Er steigt dem Mond entgegen, immer höher und höher und die Himmelsmenschen schauen ihm andächtig und voller Freude hinterher.

Je höher er fliegt desto leuchtender wird er werden bis er schließlich zu einem weiteren leuchtenden Stern am Himmel wird den die Erden- wie auch die Himmelsmenschen in der Nacht bewundern können.

 

In diesen Momenten wird es dem Erdenmensch ganz warm ums Herz. Es ist als könnte er die Freude fühlen die im Himmel herrscht. Und er fängt an zu fühlen dass es mehr gibt als nur die Erde die wir kennen. Er spürt es. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Und irgendwann, so weiß er , wird auch er seinen Weg nach oben beginnen, dann , wenn seine Zeit gekommen ist.